Dienstag, 11. Oktober 2016

Zum heutigen Coming-Out-Day: Flaminias Geheimnis

In diesem Beitrag wird es um etwas sehr Persönliches gehen, und ich habe lange überlegt, ob ich es wirklich veröffentlichen soll. Meine Frau hat mir aber Mut zugesprochen.
Ich weiss nicht so recht, wo ich anfangen soll...
Als Teenager hatte ich schöne, lange Haare und trug Kleidchen. Irgendwie fühlte es sich nie so ganz richtig an, aber alle sagten, ich würde schön darin aussehen, also trug ich die Kleider, und schminkte mich, obwohl mir die Augen und die Haut brannten. Für die anderen.
Dann kam als Teenager die Erkenntnis, dass ich mich für Frauen interessiere, und ich zog aus, denn zuhause konnte ich das nicht ausleben, ausserdem fürchtete ich die Reaktionen auf mein Coming Out. Ich behielt leider recht. Die Reaktionen waren so schrecklich, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Was auch beinahe geschehen wäre.
Als ich vor bald 7 Jahren meine zukünftige Frau kennenlernte, war dieses Tal noch nicht durchschritten, sie musste miterleben, wie wir gebeten wurden, uns bitte nicht an den Händen zu halten, denn dort käme gerade ein Nachbar dahergelaufen, oder an einem Anlass wurden wir den Leuten nicht vorgestellt. Von weiteren Familienmitgliedern wurden wir nicht zu Familienfesten eingeladen, und meine ausländische Familie hatte bis vor drei Jahren immer noch Probleme damit, die soweit gingen, dass man ein Foto von uns vom Totenbett meiner Grossmutter wegriss (was diese übrigens noch bemerkte!).
Nach einiger Zeit hatte sich meine Familie jedoch wohl oder übel damit abgefunden, manche mehr, manche weniger. Wir heirateten in violetten Kleidern. Wir sagten: Entweder wir heiraten beide im Anzug oder beide in Kleidern.
Dann wurden wir schwanger. Während dieser Zeit liess ich mir meine Haare wieder wachsen, ich fühlte mich sehr weiblich, und ich fand die Schwangerschaft wirklich faszinierend. Ein neues Leben erschaffen zu können, fand ich wahnsinnig schön und aufregend. Dann kamen unsere Kinder zur Welt. LeserInnen, die unserem Blog schon länger folgen wissen, dass unser Sohn (den ich zur Welt gebracht habe), beinahe in meinen Armen gestorben wäre. Er musste dann einige Tage in der Intensivstation verbringen, und gefühlt unzählige Male musste ich mein armes krankes Baby zurücklassen, was mir jedes Mal fast das Herz aus der Brust riss. So etwas lässt niemanden unverändert. Ich fiel in eine tiefe Krise, man könnte sogar sagen, in eine Lebenskrise, obwohl es ihm danach besser ging und man ihm jetzt nichts mehr anmerkt. Ich hatte eine postnatale Depression und ein Geburtstrauma. Ich schnitt mir meine langen Haare einfach ab, mit dem Rasierer durch und fertig. Ich wusste nicht mehr, was ich wollte, wer ich war, und was ich überhaupt soll auf dieser Welt, zog mich völlig zurück, und der Rest meiner verbliebenen Kraft kam meinen Kindern zugute. Dazu hatte ich fast ein Jahr lang chronische Schmerzen im Becken aufgrund der schweren Geburt, was schliesslich zu einer Operation führte, die zu meinem Glück gelang. Danach ging es mir viel besser, jedoch blieb dieses seltsame Gefühl in meiner Seele. Nämlich, dass ich nicht wirklich ICH SELBST bin. Und dann vertraute ich Anfang dieses Jahres (oder war es Ende letzten Jahres, ich weiss es nicht mehr so genau) meiner Frau mein allergrösstes Geheimnis an. Etwas, dass ich ihr jahrelang verschwiegen hatte. Sie sollte die erste Person sein, die es erfährt.
- Schatz, manchmal fühle ich mich nicht als Frau...sondern als Mann. Aber momentan möchte ich weder das eine noch das andere sein.
Meine Frau ist sich gewöhnt, dass ich manchmal etwas seltsam bin, daher reagierte sie nicht überrascht.
- Und als was fühlst du dich gerade jetzt, fragte sie flüsternd. Und wie nennst du dich?
- Malin, sagte ich strahlend. Ein sowohl weiblicher als auch männlicher Name.
Es vergingen wieder Monate, in denen ich mich äusserlich veränderte. Ich verlor sehr viel Gewicht und wurde sportlich. Ich mistete zuhause massiv aus. Ich schmiss alle Kleidchen, die zuhinderst im Schrank vergraben waren, wütend in eine Tüte, und gab sie weg. Ich liess mir eine coole Kurzhaarfrisur verpassen. Und dann, vor kurzem, als mich wieder mal jemand mit meinem alten Namen ansprach und ich mich sehr unwohl fühlte, fällte ich eine Entscheidung. Ich möchte mit dem Namen angesprochen werden, der für mich stimmt. Kurzerhand änderte ich meinen Namen in sozialen Netzwerken. Das Herz schlug mir dabei bis zum Hals.
Doch die Zeit war nun reif für mein zweites Coming-Out. Meinen Eltern werde ich das so nicht ins Gesicht sagen, vielleicht lesen sie es mal hier, vielleicht nicht. Sie können mich so nennen, wie sie möchten, ich erwarte da gar nichts, und ehrlich gesagt ist mir ihre Meinung dazu auch nicht wichtig. Ich werde nun nach und nach überall meinen neuen Namen verwenden, auch geschäftlich.
Und hier bin ich nun, und weiss nicht, wie das alles weitergehen wird. Vielleicht wars das jetzt, neuer Name, eine offen gelebte Identität. Vielleicht auch nicht. Wir werden sehen. Momentan stimmt es so für mich, und ich bin so froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich entspreche nicht der Norm, aber das muss ich auch nicht. Ich muss mich auch nicht entscheiden oder mich in eine Schublade stecken lassen.
Ich kann einfach so sein, wie ich bin.
Ich fühle mich frei.

 









Kommentare:

  1. Liebe* Malin,

    Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du, so wie du bist, glücklich sein kannst!

    Alles Liebe!

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  2. Ich wünsche Dir das Du Dich immer wohl fühlen kannst.... egal ob als Mann oder Frau.... Deine Kinder... Deine Frau ... Sie werden Dich weiterhin aufrichtig lieben. Ihr seid super!

    Liebs Grüessli
    Jay

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  3. Ich wünsche dir sehr, dass du diese Freiheit im Herzen behalten kannst!
    Liebe Grüße aus Deutschland,
    Manuka

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  4. Wow, ich lese hier mit, seit ihr beide schwanger wart (ihr wart mir beide etwas voraus, mein Sohn wird im Januar 2 Jahre alt). Es tut mir sehr leid, dass deine Familie so abweisend ist, das ist sicher sehr schmerzhaft! Ich gratuliere zum Mut, zu sich selber zu stehen und das eigene Wohl über Ängste und Bedenken über die Reaktionen anderer zu stellen! Hut ab :)
    Eine Sache würde mich noch interessieren: Wie geht ihr vor euren Kindern mit schwierigen Familienreaktionen um? Setzt ihr sie diesen einfach so wenig wie möglich aus (also kein Kontakt) oder reißen sich die Großeltern zusammen und es gibt in der Hinsicht keine Probleme? Oder schluckt ihr euren Ärger runter, damit die Kinder und Großeltern Kontakt haben?
    Liebe Grüße,
    Sara

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    1. Liebe Sara, inzwischen haben sich die Grosseltern damit abgefunden dass ich lesbisch bin. Es dauerte lange, für die Beziehung zu meinen Eltern wars sicher nicht zuträglich, und es werden Wunden bleiben. Ich freue mich jedoch, dass sie sehr Freude an ihren Enkelkindern haben und nie ein schlechtes Wort gegenüber ihnen gesagt haben (das war auch eine Bedingung, die ich klipp und klar formuliert habe). Meine Kinder lieben ihre Grosseltern auch sehr. Die Geburt der Kinder hat vieles positiv verändert (wie in so vielen Familien), was ich sehr gut finde. Auf eine Entschuldigung warte ich bis heute, habe mich jedoch langsam arrangiert, dass diese vermutlich nie kommen wird. Man kann natürlich trotzdem vorwärts schauen, was ich gerade tue. Man kann aber nicht vergessen. Und man muss auch nicht verzeihen.

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