Montag, 13. Juni 2016

Ein Angriff auf die Liebe und die Freiheit


(Bildquelle: Pink Cross Gay Organization)


Ich wollte eigentlich über die Pride schreiben, an der wir am Samstag waren, doch dann kamen die schlimmen Nachrichten aus den USA, die ich nicht einfach totschweigen möchte.

Als wir am Samstag mit den Kindern zum Versammlungsplatz der Pride liefen, sagte ich zu meiner Frau:
"Was tun wir, wenn einer anfängt um sich zu schiessen?"
Wir vereinbarten, dass jede mit dem jeweiligen Kind davonrennt, ohne aufeinander zu achten, denn stehenbleiben und schauen, wo die andere Hälfte ist, würde den sicheren Tod bedeuten. Als Treffpunkt nach so einem Fall wählten wir das Parkhaus, und wenn eine von uns nicht auftauchen würde...
Wir waren also vorsichtig, aber niemals hätten wir auf den für uns wichtigen Tag verzichtet, Zuhausebleiben wäre keine Option gewesen.
Am Samstag hätte man mir noch sagen können, dass ich übertreibe. Dass sei doch ein friedlicher Anlass, wozu solche Angst mitschwingen lassen? Wozu achtsam sein in der grossen Menschenmenge? Es trifft einen doch eh nie.

Am Sonntag, nach einem wirklich gemütlichen, ruhigen Tag, wollte ich noch schnell Facebook abchecken, nachdem wir die Kids ins Bett gebracht hatten. Ich habe viele LGBT-Seiten abonniert. Sofort sprangen mir die Bilder und traurigen Botschaften ins Auge. Ich traute meinen Augen nicht und murmelte immer wieder "das darf doch nicht wahr sein" und schaute schnell in eine Online-Zeitung, um nachzuschauen, was zum Teufel da bloss geschehen war.
Ein Gay-Club, der eine Pride-Party feierte.
Ein Attentäter, der in seinem religiösen Wahn um sich schoss.
50 Tote. 50 Verletzte. Die meisten waren sehr junge Leute.
Als meine Frau ins Schlafzimmer kam, war ich am weinen und konnte kaum etwas sagen. Es war ein Schock. Es hätte uns passieren können. Es hätte unsere Kinder treffen können.

Und unweigerlich fragt man sich, was das für eine Welt ist, in die wir Kinder hineingeboren haben. Jetzt verstehen sie es noch nicht, aber in ein paar Jahren werden sie Fragen stellen.
Bei 9/11 ging ich noch zur Schule, und die Tage danach verbrachten wir in einem Ausnahmezustand. Die Lehrer versuchten irgendwie Worte zu finden, und es gab eine riesige Gedenkwand, an der die Kinder Zeichnungen hinhängen und etwas schreiben konnten, und darunter war ein Kerzenmeer.
Ich weiss noch, dass die meisten nur ein einziges Wort geschrieben hatten: "Warum?"
Und niemand konnte diese Frage beantworten.

Sollte man nun auf Kinder verzichten, um ihnen das zu ersparen? Ich finde: Nein.
Kinder sind die zukünftige Generation, die Entscheidungen treffen und die die Welt von morgen gestalten werden. Das ist eine Chance. Wir müssen unseren Kindern Wege fernab von Hass zeigen, sie zu verantwortungsvollen Menschen werden lassen, die sehen, was die Menschen verbindet, statt das, was sie trennt.
Und wenn sie mich nach dem "Warum" fragen, werde ich ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich nicht weiss, warum manche Menschen so böse sind. Aber ich werde ihnen auch sagen: Was nach einem solchen schlimmen Attentat immer auffällt, sind die vielen Menschen, die zusammenhalten, die gemeinsam weinen, füreinander da sind, die aber auch Stärke demonstrieren und zeigen: Liebe ist stärker als Hass. Und: Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen, für die unsere Vorfahren jahrhundertelang gekämpft haben. Wir lassen uns nicht einschüchtern und gehen trotzdem an die Pride und an Partys und Konzerte. Wir haben Spass und feiern unsere Freiheit, so zu sein, wie wir sind. Egal was ihr tut, wir werden weiterhin die Liebe und die Freiheit feiern.

Die Liebe wird immer siegen.

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