Dienstag, 18. November 2014

Geburtsbericht Monsieur L.

Hier folgt nun der Geburtsbericht von Monsieur L. 
WARNUNG: Erstgebärende oder sensible Menschen sollten an dieser Stelle vielleicht bereits nicht mehr weiterlesen. Ich hatte leider kein besonders schönes Geburtserlebnis. Aber es gehört nun zu meinem Leben, und je mehr Zeit vergeht, desto mehr kann ich es annehmen und meinen Frieden wiederfinden. 

Am Morgen des 20. Oktober, ich war da genau 42 Wochen lang schwanger, trank ich um 5:30 Uhr zu Hause den Wehencocktail, den mir die Hebamme vom Geburtshaus mitgegeben hatte, denn ich hatte ja das Problem, dass mein Körper irgendwie nicht begriff, dass er endlich mal Wehen produzieren sollte. 
Ich dachte, ich trinke diesen still für mich ganz alleine, doch schlussendlich war ich dabei umringt von meiner Frau, meiner Schwester (die auch bei der Geburt dabeisein wollte) und meiner Mutter. Es war das grässlichste, was ich je in meinem Leben getrunken habe. Dieses Gemisch aus Rizinusöl, Kirsch, Mandelmus und Fruchtsaft war absolut eklig, ich musste mir beim Trinken die Nase zuhalten. Danach legte ich mich wieder ins Bett, wo ich jedoch nicht lange blieb, da mir schlecht wurde. Es kam dann ein bisschen von dem Trank wieder raus, danach zwang ich mich, liegend die Übelkeit zu bekämpfen, da ich wusste, dass es erst recht nicht wirken würde, wenn ich den grössten Teil wieder rauslasse. Also wartete ich auf Wehen, und da diese nicht kamen, döste ich ein wenig. Gegen 9:00 wachte ich auf, lag gemütlich im Bett und redete mit meiner Frau, als ich plötzlich spürte, wie etwas glitschiges aus mir rauskam. Ich rannte zum Klo, und da war er, der berühmte Schleimpfropf. Ich rief sofort dem Geburtshaus an und fragte, ob ich noch mein Morgenessen nehmen könne, bevor wir ins Geburtshaus fahren würden, ich hatte immer noch keine Wehen, dafür aber Hunger. :-D Ja, das durfte ich, und kaum hatte ich den letzten Bissen von meinem Brötchen geschluckt, begannen die Wehen. Wir fuhren ins Geburtshaus, und während der Fahrt, als ich bereits alle 5 min. Wehen hatte, dachte ich: Oh mein Gott, DAS sind also die ECHTEN Wehen. Ich hatte ja im Vorfeld monatelang diese mühsamen, meiner Meinung nach absolut unnützen Vorwehen gehabt, und hatte mich gefragt, wie ich dann die echten erkennen würde. Ich kann nur sagen: Man erkennt sie...
Als wir im Geburtshaus ankamen, war der Muttermund 3 cm offen. Die Wehen kamen ca. alle 3-5 min. Und wurden immer stärker. Meine Güte. Diese Schmerzen waren wirklich mit nichts zu vergleichen. Ich konnte jedoch gut damit umgehen, veratmete jede Wehe, wechselte von der Liege in die Hocke, dann zur Badewanne und wieder zurück. Ich zerdrückte die Hände meiner Frau und meiner Schwester, wurde immer lauter, das Gebärzimmer immer stickiger (leider schlug die Hebamme, die im übrigen überhaupt nicht auf einer Wellenlänge mit mir war, jedes Mal geräuschvoll das Fenster zu, wenn ich laut wurde). Ich verlor jegliches Zeitgefühl, und meine CDs, die ich so sorgfältig für die Geburt ausgewählt hatte, lagen unbenutzt herum, da ich nur Ruhe wollte. Man durfte in meiner Anwesenheit nicht einmal sprechen, dann unterbrach ich jeweils mit einem schrillen "Ruuuuuhe bitte". 
Trotz allem hatte ich das Gefühl, dass es vorwärts ging, dass ich mit und die Wehen für mich arbeiteten. 
Dann, bei 7 cm, ging es während Stunden nicht mehr vorwärts. Es gab einen Geburtsstillstand. Und ab diesem Zeitpunkt geriet alles aus dem Ruder. Die Hebamme wurde nervös, checkte ständig mit dem CTG die Herztöne von Monsieur L., und holte schliesslich die Leiterin des Geburtshauses zur Hilfe. Diese meinte, es wäre gut, mir Wehenhemmer zu spritzen, und dann Wehenförderer, das könne das Ganze wieder in Schwung bringen. Ich fragte noch, ob das die Wehen nicht verstärken würde, doch sie meinte bloss, es würde diese effektiver machen. Das Problem war auch, dass die Fruchtblase immer noch nicht geplatzt war. Sie holten einen Arzt zur Hilfe, dieser versuchte, mit einem Haken die Fruchtblase aufzuschneiden, nachdem es der Hebamme bereits misslungen war. Und ja, es war so schmerzhaft wie es klingt, zumal dieser Arzt nicht die Fruchtblase, sondern irgendein Gefäss erwischte. Es gelang ihm also ebenfalls nicht. Er meinte dann auch, ich solle es mit Wehenhemmer und Wehenförderer versuchen. Dann ging er nach Hause. 

Also willigte ich trotz ungutem Gefühl ein. Nach der Wehenpause spritzten sie mir also den Wehenförderer. Ich hatte dann einen regelrechten Wehensturm. Wehen am Stück, ohne Pausen dazwischen. Das war zu viel für mich. Ich schrie wie verrückt nach Hilfe, die Hebammen standen untätig daneben. Ich wurde wütend, schlug die Hände der Hebamme, die meinen Bauch streichelte, weg. 
Jetzt stimmte es überhaupt nicht mehr, meine Frau und meine Schwester weinten, es war schlimm für sie, mich so hilflos zu sehen. Dann fauchte meine Frau zu den Hebammen, dass es jetzt genug sei, sie wolle sofort mit mir ins Spital, damit ich Hilfe erhalte, die ich im Geburtshaus offenbar nicht erhalten konnte. Sie sah, dass etwas nicht mehr stimmte, und da hatte sie Recht, wie sich später herausstellen würde...
Die Hebammen meinten, ja, wahrscheinlich helfe in meinem Fall eh nur noch eine PDA. 
Ich wurde dann in einem stinknormalen Personenwagen ins Spital gefahren. Da die Hebamme nicht wusste, wo sich das Spital befand (!!!), musste meine Frau in unserem Auto vorausfahren, um ihr den Weg zu weisen. Es war eine total irre Autofahrt...
Im Spital angekommen, empfing uns eine Hebamme, die ich von allen Hebammen im dortigen Spital (das ich von Mademoiselle J.s Geburt und Wochenbett her kannte) immer am unsympathischsten empfunden hatte. Ich dachte: Na toll, es läuft einfach nichts so, wie ich es will. 
Sie fragte, warum wir erst jetzt kommen würden, und meinte, das sei ein totaler Witz, was das Geburtshaus gemacht hätte. 
Ich bekam erstmal Lachgas, und man sagte mir, man würde jetzt die PDA vorbereiten. Was ich nicht wusste: Eine PDA war zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr möglich, doch das sagte man nur meiner Frau, nicht mir, um zu verhindern, dass ich mich noch mehr aufregte. Das war auch gut so...
Die Spital-Hebamme leitete mich durch die Wehen. Und plötzlich fand ich sie nicht mehr unsympathisch. Denn diese Hebamme war genau das, was ich brauchte. Eine, die mir Anweisungen gibt, statt mir verträumt den Bauch zu streicheln. Eine, die mich fest im Griff hat, auch wenn ich nach ihr schlage und trete (äääh ja, das habe ich getan...). 
Zwischen den Wehen zog ich mir dieses geniale Lachgas ein und war sowas von high (ich bildete mir ein, dass mir irgendjemand sagte, meine Brüste seien toll, ideal zum stillen, und das hat eindeutig niemand dort gesagt, wie mir meine Frau später lachend bestätigte :-D), aber aaaah, es tat soooo gut. :-D
Sie checkte immer wieder die Herztöne von Monsieur L. Dann rief sie plötzlich die Chefärztin. Kein gutes Zeichen, dachte ich. Die Herztöne von Monsieur L. waren schlecht, das sagte man mir jedoch ebenfalls nicht, weil man mich nicht in Panik versetzen wollte (was ebenfalls eine sehr gute Entscheidung war, das hätte ich nicht ertragen). 
Die Chefärztin sagte dann zu mir: 
"Frau Flaminia, jetzt können wir es noch mit der Saugglocke versuchen. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir einen Kaiserschnitt machen."
Ich dachte: NEIN. Das lasse ich nicht zu! Kein Kaiserschnitt! Nicht, nachdem ich mich stundenlang abgemüht habe! 
Die Ärztin und der Assistenzarzt gingen dann kurz raus, um die Saugglocke zu holen. Als die Tür zufiel, fingen die Presswehen an. Oh mein Gott. Das waren die schlimmsten Schmerzen, die ich jemals hatte. Dieser unglaubliche Druck in meinem Becken und in meinem Rücken...ich spürte einen enormen Pressdrang, und presste, obwohl mir die Hebamme sagte, ich solle nicht pressen. Sie merkte dann, dass diese Anweisung nichts nützte, meine Güte, ich konnte ja auch nicht anders. Stattdessen sagte sie mir dann, ich sollte meinen Mund zumachen (denn ich schrie bei jeder Presswehe), und nach unten pressen. 
Die Ärztin kam wieder ins Zimmer und staunte nicht schlecht. Das hatte sie wohl nicht erwartet. Sie guckte, und sagte zu meiner Frau und meiner Schwester, seht mal, dort hinten sehe ich den Kopf. Meine Frau rief mir zu: "Schatz, ich sehe den Kopf, und er hat ganz viel Haare!"
Ich lächelte. Sie nahmen das Lachgas weg und gaben mir stattdessen Sauerstoff. Dann brachte die Ärztin die Saugglocke in Position, und bei der nächsten Wehe rief sie, jetzt solle ich pressen. Und auf einmal war der ganze Druck weg, meine Güte, so erleichtert war ich noch nie in meinem Leben gewesen. Ich hörte es quäken, streckte die Arme nach ihm aus und rief: "Gebt ihn mir!", und sie legten mir mein glitschiges, warmes Baby auf die Brust, ich konnte es kaum glauben, er war so lang und dünn. Ich dachte: Hä, wo hatte er in mir Platz?! Dann schaute ich in sein Gesicht und dachte: Oh, er sieht ja aus wie mein Vater! :-D
Nach 15 1/2 Stunden, am 21. Oktober um 2:32 Uhr, hielt ich nun endlich meinen Sohn in den Armen. 
Meine Frau schnitt die Nabelschnur durch. Dann kam die Nachgeburt raus, und die Ärztin machte sich ans Nähen, ich hatte nämlich einen 3. Grad-Riss, beinahe wäre es ein 4. Grad geworden. 
Meine Frau durfte währenddessen unseren Sohn wickeln und anziehen. 

Ich wünschte mir, das Wochenbett im Geburtshaus zu verbringen, ein Entscheid, den ich bis heute bereue...
Wir schliefen bis frühmorgens im Gebärzimmer, dann fuhren wir ins Geburtshaus. Meine Frau holte Mademoiselle J., und dann gingen wir davon aus, dort ein paar schöne Tage zu viert zu verbringen.
Doch es kam anders. Bereits nach zwei Tagen wollte ich nach Hause. Denn im Geburtshaus gab es gewisse Dinge, die mich stressten. Sie hatten beschlossen, genau über unseren Köpfen den Dachstock zu bearbeiten, dröhnender, stundenlanger Baulärm war die Folge. Sie wollten die Bauarbeiten auch nicht einstellen. Die Essenszeiten waren strikt geregelt, man wurde gestresst wenn man nicht pünktlich erscheinen konnte (was ziemlich schwierig mit zwei Babys war, wie man sich vorstellen kann...). Das Bad war am anderen Ende des Hauses, die Dusche war glatt, ohne Möglichkeiten, sich irgendwo festzuhalten. Vor dem Haus war eine Strasse, die morgens mit dem ganzen Pendlerverkehr verstopft war (tagsüber merkte man nichts davon, wie hätten wir das bei der Besichtigung damals ahnen sollen?!). Ausserdem hatte ich das Problem, dass die schreckliche Geburt jedes Mal wie ein Film abgespielt wurde, wenn ich diese Treppen runterging...
Also gingen wir nach Hause, denn dort würden wir endlich Ruhe finden. Dachten wir zumindest. Denn wir waren gerade 10 min. zu Hause, ich wollte Monsieur L. auf dem Sofa stillen, da lag er plötzlich schlaff in meinen Armen, und ich dachte, er würde sterben...
Was dann geschah, habe ich bereits im Blog geschildert...

Beim nächsten Beitrag wird sich alles um Monsieur L. drehen.

Ach, es tat gut, das alles niederzuschreiben. Wer bis dahin gelesen hat: Danke fürs Lesen. 


Kommentare:

  1. Ja, Himmel, Birnbaum und Hollerstaudn, was ist denn das für ein Geburtshaus????? Vom Bauchstreichen bekommt man doch maximal Aggressionen. Man oh man, solche Idioten, echt. Und dann nicht mal wissen wo das Krankenhaus ist??? ÄHm...ja

    Tut mir echt leid für dich / euch, dass die Geburt so dermaßen neben der Spur gelaufen ist. Ich hoffe, du kannst das irgendwie aufarbeiten.

    Habt ihr denn noch mal das Geburtshaus kontaktiert? Ich wäre da echt scharf auf eine Stellungnahme.

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  2. Ja, wir haben mit dem Geburtshaus geredet. Sie weisen jegliche Schuld von sich, auch was den schlechten Zustand von Monsieur L. betrifft, der bei unserem Austritt nur von einer Hebammenschülerin kurz angeschaut und für kerngesund erklärt wurde. Bloss war er das nicht, denn wir mussten ja mit ihm in die Notaufnahme, kaum waren wir zu Hause angekommen...
    Na ja, ich diskutiere inzwischen nicht mehr mit ihnen, da es sowieso nichts nützt.

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  3. Puh..... das liest sich in der Tat grausig :-( es tut mir leid für Dich, ich wünsche Dir, dass Du diese Stunden ganz schnell verarbeiten kannst und wirst..... das Gleiche wünsche ich auch Deiner Frau, an der diese Stunden bestimmt nicht spurlos vorbei gegangen sind...... Bei mir kommt es nach fast 16 Monaten immer mal wieder hoch! ( jetzt wohl anonym, sonst ratscher ;-) )

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    1. Danke, mit jedem Tag der vergeht, kann ich die Geschehnisse besser annehmen. Ob das ausreichen wird werde ich sehen...
      Aber tröstlich zu lesen, dass es auch anderen so ergeht...

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  4. Wie schrecklich!!! :-( oh mann, ich kann mich nur anschließen. Hoffentlich kannst Du das verarbeiten. Was stimmte denn dann eigentlich nicht mit Monsieur L., bzw. was sagten die Ärzte und was wurde gemacht? Vielleicht kommt das ja noch im nächsten Beitrag.

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    1. Genau, das wird dann unter anderem Thema im nächsten Beitrag sein.

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  5. Und wie gehts euch und dem kleinen mittlerweile so?
    Bin erst vor kurzem auf den blog gestoßen und habe ihn komplett durch gelesen und schaue jetzt immer neugierig ob es was neues gibt. Hoffe es ist alles ok so weit.

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    1. Sehr gut, danke!
      Oh, ist der Blog so spannend?!
      Du kannst den Blog auch abonnieren, dann erhälst du ein Mail, wenns einen neuen Beitrag gibt. :-)

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    2. ja, ich guck auch jeden Tag rein. Wann gibt es wieder mal was Neues? *gg*

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    3. Liebe M., der nächste Beitrag ist in Arbeit! :-)

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